Wir sind zurück… (an Bord)

Wir sind zurück… (an Bord)

8. August 2021 2 By JWS

Nun, endlich ein Update von uns… Unser AIS-Signal hat euch bereits gezeigt, dass sich Deep Blue bewegt. Eine Fahrt in den Emder Hafen, eine Fahrt auf den Dollart, dann weiter nach Borkum, dann weiter nach…

Spätestens da wird es in vielen Köpfen „Die sind wieder losgefahren“ geheißen haben…

Wir sind nach Frankreich gesegelt und die Biskaya liegt bereits vor unserer Nase,
mit der Absicht diese auch zu überqueren.

Aber von Anfang an:

Hinter uns liegen schwierige Wochen. Wir konnten uns nicht vorstellen, noch einmal auf Deep Blue zu ziehen, um damit loszufahren. Wir sind gestrandet, unsere alte Wohnung hatten wir ja aufgegeben und unsere Möbel verkauft. Was nun? Wohin? Wieder bei den Eltern einziehen? Auf dem Tisch lagen plötzlich viele Fragen. Viele wichtige Entscheidungen, für die man sich im Leben normalerweise Zeit lässt, die nach und nach getroffen werden. Diese Fragen drängten sich plötzlich auf.

Vera war zunächst in Berlin bei ihren Eltern und hat sich dort behandeln lassen. Ich habe mich in Ostfriesland um das Boot gekümmert. Ein Boot, das für die Weltmeere ausgestattet ist und ein autarkes Leben an Bord ermöglicht. Das klingt – selbst für einen Laien – teuer, und tatsächlich, es war teuer,  es ist quasi unser ganzes „Hab und Gut“. Wenn das Leben nun andere Wege erfordert, lag es für mich klar auf der Hand, dass wir das Boot wieder verkaufen. Denn wir müssen ja ein neues Leben aufbauen (à la Eigenheimwechsel).

Ja, ich weiß, die Überlegung und Entscheidung ging schnell. So bin ich, Entschlussfreudig und bereit mich schnell auf eine neue Situation einzustellen. Wir überlegten, wo wir hinziehen, ein „Landleben“ aufbauen, wo arbeiten, wo soll Kaatje aufwachsen, wo wollen wir unser 2. Kind bekommen – ja, da ist ein zweites Kind auf dem Weg!  🙂 Neben diesen Überlegungen inserierte ich unsere Deep Blue bei eBay Kleinanzeigen.

Das Interesse war groß. Einen Tag später besichtigte ein Interessent aus Stuttgart das Boot und versicherte es kaufen zu wollen. Uff – das schlägt mir auf den Magen! Es wurde ein Termin vereinbart fürs Kranen und zur Begutachtung durch einen Fachmann. Ich fuhr alleine mit Deep Blue nach Emden. Selbst der nüchterne Jan kann seine emotionale Welt hierbei nicht leugnen. Die letzte Fahrt. Über den Dollart. Die letzten Meilen auf der Ems: „Eine Fahrt zur eigenen Hinrichtung“ – na, das klingt ganz schön dramatisch, aber so sind sie manchmal: diese Gefühle. Warum so intensiv? Weil ich im Begriff war, meinen Lebenstraum mit diesem Schritt völlig aufzugeben.

Deep Blue in der Großen Seeschleuse von Emden

Durch die Große Seeschleuse ging es zum Emder Yachtservice. Dort hing
Deep Blue am folgenden Tag in den Gurten und wurde begutachtet. Die 16
Jahre junge Dame hat laut Gutachter altersentsprechende Mängel, die
beizeiten behoben werden sollten. Ich war aber sehr froh, dass es keine
kritischen (kapitalen) Mängel gab. Denn diese offene Frage hatte ich
seit unserem Kauf im Hinterkopf (Wir hatten beim Kauf vor gut einem Jahr
keinen Gutachter beauftragt).

Die scheinbar letzte Tour

Der Preis für Deep Blue war im Inserat als „nicht verhandelbar“ angegeben, dem gewünschten großen Preisnachlass des Interessenten wollten wir nicht nachkommen und daran scheiterte es dann auch. Deep Blue wechselte erst mal nicht den Eigner. Ich fuhr Deep Blue zurück durch den Dollart nach Nw Statenzijl und rief die anderen Interessenten an. Es folgten weitere Besichtigungen.

Zwischenzeitlich sind viele Wochen vergangen und Vera und ich haben uns etwas gefangen. Die Therapie wirkte. Sommerliches Wetter und eine bessere Stimmung ließ uns sagen, „Solange es noch unser Boot ist, können wir es auch nutzen.“ Wir erlebten eine schöne Woche vor Anker, erst auf dem Dollart, dann vor Borkum. Wir fühlten uns wohl und es hieß „Komm, wir fahren noch mal nach Hause, packen die Sachen für ein paar weitere Wochen.“

Sonnenuntergang achteraus auf dem Ankerplatz vor Borkum
Wir verlassen Borkum vor dem Morgengrauen Richtung Westen

Wir fuhren wieder los: Erst Borkum, dann Terschelling (NL), wo wir meine Eltern mit ihrer Arion trafen, die sich auf dem Rückweg aus ihrem Urlaub befanden. Dann fuhren wir durch die Kornwerderzand-Schleuse ins Ijsselmeer. Am nächsten Tag machten wir Halt in Stavoren.

Da sind wir wieder!

An dieser Stelle hatten wir im April unsere Reise abgebrochen. Das Wetter war weiter gut. Die Stimmung auch. Der Wind blies in die richtige Richtung. Wir rauschten durchs Ijsselmeer, ins Markermeer und machten einige Nächte halt vor der schönen Altstadt von Hoorn. (Empfehlung!)

Wir bekamen Lust fernere Gebiete zu erkunden und uns weiter „hinaus“ zu wagen. Wir steuerten Amsterdam an.

Amsterdam – Luftlinie vom Starthafen 180 km

(A) Ich war mit dem Boot noch nie weiter ins Markermeer gefahren als Amsterdam und

(B) auch in andere Richtungen bin ich noch nie weiter als 180 km entfernt vom Heimathafen unterwegs gewesen

Also ab jetzt kommt Neues auf mich zu – Ich bin aufgeregt.

Ab Amsterdam nehmen wir für eine Woche Jens mit an Bord. Jens hat uns bereits bei der Überführung geholfen. Mit ihm wollten wir „buten“ viele Meilen machen, um dem Ziel >>Buchten mit Palmen<< schnell näher zu kommen. Leider nahm der Wind enorm zu und kam genau in dieser Woche auch aus der falschen Richtung (aus SW).

Wir entschlossen uns „binnen“ der Staanden Mastroute zu folgen – die auch ihren Reiz hat. So können wir mittlerweile immerhin sagen, dass wir die gesamte Staande Mastroute gefahren sind – von Delfzijl bis Vlissingen. Und das mit 2 m Tiefgang!

Jens ging nach 107 gemeinsamen Seemeilen in Middelburg von Bord.

Wir proviantierten uns dort, fuhren weiter nach Vlissingen und legten ein letztes Mal in den Niederlanden an, in Breskens.

Jetzt stand der Englische Kanal an. Wir waren aufgeregt und hatten großen Respekt. Respekt vor dem starken Schiffsverkehr, den starken Strömungen und der rauen See. In Tagesetappen und starkem, gut zu segelndem Wind machten wir große Schritte: Dünkirchen, Boulogne Sur Mer, Dieppe, Fécamp, Cherbourg, St. Malo, Île-de-Bréhat und jetzt Roscoff.

In Summe sind wir mittlerweile 78 Tage an Bord und es liegen 1.100 Seemeilen im Kielwasser (ca. 2.000 km).

Hier warten wir auf passenden Wind, um nach Brest segeln zu können…